Drei glückliche Kinder auf einer Wiese

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Vom Recht selbst zu denken

28.09.2022

Kinder haben Rechte! In Hessen sind sie zwar erst seit Oktober 2018 in der Verfassung verankert, doch das Verhältnis zwischen Kindern und Erziehern hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert.

Was so selbstverständlich klingt – zum Beispiel das Recht auf Gleichbehandlung, Fürsorge, Bildung, Freizeit, Erholung, Spiel – ist in Bezug auf Mediennutzung nicht immer so leicht wahrzunehmen. Schließlich bedeutet online gamen, chatten oder informieren ein Abtauchen in eine eigene mediale Welt, auf die Eltern und Erzieher nicht immer Zugriff haben. Doch im Prinzip lassen sich Verhaltensweisen aus der analogen Welt leicht auf die digitale übertragen, denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Wir müssen unsere Kinder schützen!

Hier wie dort: vor Mobbing, Diskriminierung und Gewalt. Wir müssen unseren Erziehungsauftrag wahrnehmen und ihre Lebens- und Medienkompetenz fördern. Unsere Aufgabe ist es, ihnen angemessenes Verhalten beizubringen, Spiel- und Erholungsmomente anzubieten und sie vor Gefahrensituationen zu bewahren.

Leichter gesagt als getan, wenn bereits Achtjährige auf TikTok verstörende Videos schauen oder via Fortnite Nacktfotos geschickt bekommen. Aus Angst vor Strafe und Handyentzug trauen sich Kinder und Jugendliche oft nicht, darüber zu sprechen und geraten so unter Umständen in große Not. Hier sind wir alle gefordert, sensible Themen anzusprechen und offen zu legen. Beispielsweise ist Sexualität immer noch ein großes Tabu im Grundschulalter. Dabei werden schon die Kleinsten täglich mit hypersexualisierten Serienfiguren und Alltagssexismus in der Werbung konfrontiert.

Wir müssen unsere Kinder begleiten

Vor allem aber müssen Kinder mindestens eine Vertrauensperson in ihrem persönlichen Umfeld haben, an die sie sich im Zweifelsfall wenden können. Die ihnen ohne Vorwürfe und Strafen zuhört und hilft. Präventiv bedeutet das, gemeinsam (!) mit seinem Kind Videos und Serien zu schauen, Timeline- und Chatverläufe zu lesen und gegebenenfalls zu intervenieren. Gemeinsam lernen zu beurteilen: Was ist gut für mich und was nicht und warum?

In Hinblick auf Kinderrechte und Demokratie gibt es einen weiteren, aus meiner Sicht sehr viel wichtigeren Faktor, über den wir uns bewusst werden sollten: den Algorithmus, der im Hintergrund ob Website oder Social-Media-Account in sekundenschnelle Vorlieben und Interessen speichert und einen immer wieder entsprechend mit Informationen versorgt. Bei kostenfreien Apps bezahlen wir immer mit unseren Daten!

Mehr noch: In unseren Verhaltensweisen werden wir entsprechend manipuliert, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Schnell gerät man so ins Fahrwasser von Verschwörungstheorien und einseitigem Faktenwissen, legt das eigene Denken ab und glaubt, was man sieht und liest, ohne darüber nachzudenken.

Es geht in den sozialen Medien längst nicht mehr um Inhalte, sondern um Reichweite, Klicks und Likes. Videos, Fotos und Memes werden kaum noch hinterfragt, sondern schnell geteilt, weil es witzig aussieht und Spaß macht. Kann sein. Darf aber nicht sein, dass dabei rechtsextremistisches Gedankengut geteilt wird. Oder Nacktfotos auf dem Handy Minderjähriger auftauchen. Oder unsere Daten auf irgendwelchen Servern landen und gehackt werden. Und vor lauter Scrollen in Vergessenheit gerät, welche politischen und gesellschaftsrelevanten Themen uns gerade im Hier und Jetzt beschäftigen, die unsere wirkliche Aufmerksamkeit und Entscheidungskraft brauchen.

Selbst denken steht zwar nicht als Grundrecht in der Verfassung. Ist aber etwas, was Kinder und Erwachsene von Grunde auf lernen sollten.

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Ilona Einwohlt

Autorin:
Ilona Einwohlt ist Autorin und Bildungsreferentin beim MuK (Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e.V.) mit den  Schwerpunkthemen Kinder- und Jugendkultur, digitale Lebenswelten und Mädchenbildung.
www.muk-hessen.de

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